Das Dilemma
Ratings haben ein großes Problem, das keiner gerne benennt
Wer ein Produkt testen möchte und dafür neben gut bezahlten Fachleuten auch Labore benötigt, der braucht dafür viel Geld. Und um die Finanzierung dieser Projekte sicherstellen zu können, gibt es unterschiedliche Einnahmemöglichkeiten.
Zum Beispiel durch:
- einen bezahlten Auftrag von einem Unternehmen, das gerne getestet werden will
- das Sammeln von Spenden
- den Verkauf der Ergebnisse an Verlage oder direkt an den Verbraucher - zum Beispiel in Test-Zeitschriften
- Lizenzgebühren für die Verwendung der Testergebnisse für Werbezwecke durch die getesteten Unternehmen
Wenn wir diese Einnahmequellen analysieren, dann stellen wir fest, dass durch das Einsammeln von Spendengeldern und durch den Verkauf von Zeitschriften zwar Geld eingenommen werden kann, dies aber in den meisten Fällen nicht ausreicht, um kostendeckend zu arbeiten.
Bei bezahlten Aufträgen gibt es durchaus Konfliktpotenzial mit dem Auftraggeber, denn wenn das Ergebnis am Ende zu schlecht ausfällt, dann nimmt das Ratingunternehmen in Kauf, dass es vom gleichen Auftraggeber kein weiteres Mal beauftragt wird.
Und was ist mit den Lizenzgebühren? Diese werden ja erst nach dem Test fällig und sollten demnach kein Einfluss auf das Ergebnis nehmen.
Oder?
Leider sehe ich das etwas anders: ein Testergebnis oder Qualitätssiegel verkauft sich eben besser, wenn das bewertete Unternehmen eine besonders gute Note erzielt. Wer würde sich schon das Testergebnis ‘ausreichend’ mit voller Überzeugung auf seine Broschüre kleben.
Im aktuellen Test haben auch die meisten Nuss-Nugat-Cremes, die von der Stiftung Warentest getestet wurden, eine Note 2,x erhalten.
Man muss dafür keine Manipulation unterstellen. Ein Testergebnis lässt sich jedoch deutlich besser vermarkten, wenn es für viele Anbieter werbewirksam ausfällt. Wer klebt sich freiwillig ein ‘ausreichend’ auf die Broschüre?
Auch bei bekannten Produkttests sieht man regelmäßig: Viele Produkte erhalten Noten, mit denen sie noch gut werben können, aber nur wenige sind tatsächliche Testsieger. Genau deshalb lohnt sich ein Blick darauf, wie ein Siegel finanziert wird und was es konkret bewertet.
Woher ich das weiß?
Auch wir wurden schon ausgezeichnet. Teilweise sogar von recht bekannten Unternehmen. Die ‘Prüfung’ besteht dann übrigens häufig darin, dass wir selbst Angaben zur Kundenzufriedenheit, Beratungsqualität oder Fehlerhäufigkeit machen sollen. Eine unabhängige Prüfung unserer Angaben konnten wir dabei jedenfalls nicht erkennen. Dafür erhalten wir aber eine recht hohe Rechnung, wenn wir die ‘Auszeichnung’ für Marketing und Werbung nutzen möchten.
Und so ist aus der eigentlich guten Idee von unabhängiger Bewertung ein sehr lukratives Geschäftsmodell geworden: in der Berufsunfähigkeitsversicherung gibt es immer mehr Ratings, Rankings, Siegel und Auszeichnungsformate.
Es gibt im Markt sogar Konstellationen, in denen Bewertungskriterien zunächst von keinem BU-Versicherer erfüllt werden. Versicherer können dann Beratungsleistungen in Anspruch nehmen, um ihre Produkte an diese Kriterien heranzuführen. Anschließend gehören sie möglicherweise zu den wenigen Anbietern, die die entsprechende Auszeichnung erhalten.
Ob ein solches Siegel für Verbraucher dann noch eine unabhängige Orientierung bietet, sollte jeder für sich kritisch hinterfragen.
Und genau deswegen stelle ich mir die Frage: welchen Mehrwert können Ratings überhaupt noch bieten, wenn der Verbraucher gar nicht mehr erkennen kann, welche Bewertung von wem finanziert wird.